Road Stories

Der 911er am Straßenrand

– ein gutes Beispiel, wie man in den USA unerwartet Oldtimer Schnäppchen machen kann.

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Vor circa einem Jahr, im Oktober 2012, fuhr ich mit meiner Frau Vanessa nach Albuquerque, New Mexico, um dort Ihren Geburtstag zu feiern.  Wir wollten uns ein schönes Wochenende machen, schön Essen gehen und danach die ein oder andere Bar unsicher machen.  Ein Autokauf stand zu diesem Zeitpunkt nicht auf unserem Programm.

Da meine Frau als Jugendliche öfters in Albuquerque war um dort auf einem lokalen Markt mexikanisch Möbel zu verkaufen, entschieden wir uns diesen Flohmarkt mal wieder zu besuchen.
Auf dem Weg dorthin sah ich aus dem Augenwinkel einen schwarzen Sportwagen am Straßenrand stehen.  Im Vorbeifahren realisierte ich, dass es sich wohl um ein älteres Porschemodell handelte.  Ich hielt sofort an und sage „Did you see the car we just passed, wasn’t that an old 911? “  Vanessa war gleich hellauf begeistert und erwiederte, „Oh ja, come on, let’s go back and take a look at it“.
Bei näherer Betrachtung des Wagens stellten wir fest, dass es sich bei dem Verkäufer um einen typisch amerikanischen Gebrauchtwagenhändler handelte, der ältere PKW und Pickups im Preisbereich um 3000,- $ zum Verkauf anbot.  Der Porsche schien hier nicht so richtig ins Repertoire zu passen.  Leider war der Shop geschlossen und der Verkäufer nicht ausfindig zu machen – wie in den USA üblich war der Wagen aber unverschlossen und wir konnten ihn von innen und außen begutachten.
Es handelte sich um einen 911SC Tara, Baujahr 1978, mit weniger als 100 tausend Meilen auf dem Tachometer.  Der Wagen war in einem sehr guten Zustand, kein Rost, keine Anzeichen von einem Unfall und auch der Innenraum war gut erhalten.  Die größte Überraschung war aber der Sticker an der Windschutzscheibe.  $ 8999,- war dort in großen Zahlen aufgeklebt.  Ich hatte zu diesem Zeitpunkt zwar keine Ahnung was so ein Fahrzeug wert sein könnte, der Preis kam mir aber doch sehr niedrig vor.  Nach kurzem Überlegen einigten wir uns darauf, dass dort wohl eine 1 abgefallen war und eine Verkaufspreis von 18999,- $ doch wohl realistischer wäre.

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Wir besuchten Vanessas Flohmarkt und fuhren zurück ins Hotel um uns für den Abend frisch zu machen.  Irgendwie ließ mir der ungewöhnliche Preis des Wagens aber keine Ruhe.  Glücklicherweise gab mir die ausgedehnte Dusch und Schminkzeit meiner Frau Gelegenheit im Internet etwas zu recherchieren.
Gute Webseiten um den Zeitwert von Fahrzeugen in den USA zu ermitteln sind Kelly Blue Book (kbb.com) und NADA (nada.com).  Hier ist anzumerken, dass Kelly im Allgemeinen eher auf der oberen Seite des Wertes liegt, während NADA normalerweise näher am realistischen Wert liegt.
Nach kurzer online-recherche stellte ich fest, dass Kelly Blue Book nur Fahrzeuge ab Baujahr 1993 listet.  Bei Nada hatte ich mehr Glück, hier kann man unter dem Reiter „Classic Cars“ Preise bis 1950 abrufen.  Das Ergebnis war für mich keine Überraschung.  Wie erwartet, lag hier der niedrigste Preis für einen 911SC diesen Baujahres bei 18500,- $, was auch Sinn zu machen schien (siehe Bild x).  Beim guten Zustand des Wagens kam mir aber der durchschnittliche Verkaufspreis (average retail value) von 22000 $ zutreffender vor.  Sogar 18999.- $ währen in diesem Fall dann noch eine ziemlich gute Partie gewesen.  Durch meine bisherigen Erfahrungen beim Gebrauchtwagenkauf in den USA, war mir auch klar, dass ich den Preis bei Barzahlung noch mindestens um 2000-3000 $ drücken könnte.
Langsam formte sich der Gedanke, dass Porsche zu fahren eventuell doch nicht so unrealistisch sein könnte wie mir das bis zu diesem Tag vorkam.

Immer noch skeptisch, entschloss ich mich auch den deutschen Oldtimermarkt abzuklopfen bevor eine Entscheidung fällt.
Beim checken von Autoscout24 (autoscout24.de), kam dann die große Überraschung – gleiches Fahrzeug, gleiches Baujahr, ähnlicher Kilometerstand für 15000 Euro.  Wer hätte gedacht, das Porsche in Deutschland so günstig sind?  Aber dann kam das Kleingedruckte – ohne Motor und Getriebe!  Aha, der Durchschnittspreis für die anderen angebotenen Fahrzeuge lag auch hier bei 20000 bis 30000 Euro.  Ebay (www.ebay.de/motors) bestätigte dieses Ergebnis, 19500,- € war hier das günstigste Angebot.

Bis Vanessa schließlich aus der Dusche kam war die Entscheidung also gefallen – wir müssen da nochmal hin!
Gesagt, getan, fuhren wir also am nächsten Morgen wieder zu dem Gebrauchtwagenhändler.  Obwohl es Sonntag war, trafen wir diesmal den Geschäftsführer an.
Auf meine Frage, wie viel der Porsche denn kosten solle kam die überraschende Antwort: „Just check the windshield, I put the price there.“  Also doch 8999,- $!  Der Verkäufer erklärte mir, dass sein Bruder den Wagen vor Jahren als Pfand für einen Privatkredit bekommen hatte der nie eingelöst wurde.  Jetzt brauche dieser aber dringend Bargeld und wollte das Auto nur so schnell als möglich verkaufen.  Er sagte mir auch, dass man auf Ebay bestimmt mehr dafür bekommen würde, ihm das Internet aber zu suspekt sei um dort Autos zu verkaufen.
Bei der darauf folgenden Testfahrt konnte ich keine Probleme feststellen.  Der einzige Wehrmutstropfen war die Lackierung, die Amateurhaft und unschön durchgeführt war.  Ich rief noch kurz einen Bekannten an, der einen 1980er 911 besitzt, um mich nach bekannten Problemstellen zu erkundigen.  Von ihm bekam ich nur die Auskunft, dass der Motor generell unverwüstlich sei, manche der Wagen aber Öl verbrennen was man an weißem Rauch beim Kaltstart erkennen könne.  Nicht einmal das war hier der Fall.
Bei einem kurzen Check der Vehicel Identification Number (VIN) Nummer bei Carfax (carfax.com), lernte ich, dass Fahrzeuge vor Baujahr 1981 nicht in deren Datenbasis registriert sind.  Allerdings werden Unfallwagen in den USA bei der zuständigen Zulassungsstelle als „Salvage“ registriert, was auch klar auf dem Fahrzeugbrief vermerkt wird.  Der Wagen hatte also keinen Unfall, auch waren keine Ausstehenden Kredite oder sonstiges auf dem Fahrzeugbrief vermerkt.
Jetzt war die Entscheidung getroffen, dieser Wagen muss mit.  Bei den in den USA üblichen Preisverhandlungen konnte ich mich mit dem Verkäufer dann auf einen Gesamtpreis von 8000 $ einigen und eine Stunde später wechselte der Wagen dann den Besitzer.  So hatte ich durch puren Zufall das perfekte Geburtstagsgeschenk für Vanessa gefunden.

PS:  Das Bild hab ich bei der Heimfahrt von Albuquerque geschossen.  Die Hoffnung, dass damit nun die nächsten zehn Geburtstagsgeschenke abgegolten wären hat sich übrigens nicht bestätigt ;-).

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Ralph